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© thodonal

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Noch krank? Oder schon berufsunfähig?

Bei schwerwiegenden und länger andauernden Erkrankungen stellt sich irgendwann die Frage, ob der Patient in der Zukunft wieder gesundheitlich in der Lage ist, zu arbeiten oder ob er ganz oder teilweise als berufsunfähig eingestuft wird. Eine Berufsunfähigkeit hat erhebliche finanzielle Folgen. Zudem ist der Übergang vom Krankenstand in die Berufsunfähigkeit oft mit Ärger verbunden.

Statistisch gesehen ziehen sich hierzulande nur etwa drei Prozent der Krankheitsfälle länger als sechs Wochen hin, zeigen Zahlen des Krankenversicherers AOK. Doch vor allem psychische Erkrankungen wachsen immer wieder vom Krankenstand zur Berufsunfähigkeit aus. Aber auch Erkrankungen wie Funktionsstörungen am Skelett- und Bewegungsapparat, Krebs und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems können in eine Berufsunfähigkeit führen - mit weitreichenden finanziellen Folgen.

Doch was passiert, wenn ein Versicherer einem Kranken, der im guten Glauben ist, sich in einem Heilungsprozess zu befinden, plötzlich die Berufsunfähigkeit bescheinigen will?

Vom Schlaganfall zur Berufsunfähigkeit

Die Problematik verdeutlicht ein aktuelles Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Koblenz (Aktenzeichen 10 U 727/15). Der Kläger war nach einem Schlaganfall längere Zeit arbeitsunfähig. Er hatte eine private Krankentagegeldversicherung abgeschlossen und forderte entsprechend Zahlungen zu leisten. Der Versicherer versuchte zunächst unter Zuhilfenahme von Steuerunterlagen eine Vertragsanpassung mit reduzierter Krankentagegeldzahlung und wollte kurz darauf den Eintritt der Berufsunfähigkeit feststellen. Drei Monate später wären dann die Zahlungen aus der Krankentagegeldversicherung entfallen. Der Versicherte klagte.

Zunächst entschied das zuständige Landgericht, dass die Reduzierung zwar nicht zu bemängeln sei, wohl aber der vom Versicherer gewünschte Eintritt in die Berufsunfähigkeit. Der Fall ging in die nächste Instanz.

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Entscheidung für den Versicherten

Das OLG Koblenz entschied gleich in zweifacher Hinsicht für den Kläger und Versicherten: Die anfängliche Verringerung des Krankentagegelds sei nicht rechtens, obwohl es in den Versicherungsbedingungen eine entsprechende Klausel zur Anpassungsmöglichkeit durch den Versicherer gab.

Das OLG Koblenz stufte diese als für Verbraucher intransparent und deshalb rechtlich unwirksam ein. Auch rückwirkend musste die Krankenversicherung das Krankentagegeld weiterhin in der vereinbarten Höhe leisten.

Überdies entschieden die Richter, dass der Versicherer im vorliegenden Fall den Eintritt der Berufsunfähigkeit und demzufolge die Beendigung der Krankentagegeldzahlung nicht ohne Nachweis unterstellen durfte. Ärztliche Gutachten hätten nämlich keineswegs die Berufsunfähigkeit des Versicherten festgestellt.

Wer zahlt bei längeren Krankheitsphasen?

Für bis zu sechs Wochen haben erkrankte Arbeitnehmer Anspruch auf die Zahlung ihres Gehalts durch den Arbeitgeber. Danach übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Versicherte in der GKV erhalten Krankengeld für maximal 72 Wochen.

Die Höhe des Krankengelds orientiert sich am bisherigen Gehalt, ist allerdings geringer. Es soll mindestens 70 Prozent des täglichen Bruttoentgelts betragen, maximal aber 90 Prozent des täglichen Nettoentgelts. Der niedrigere Wert wird durch die Krankenkasse als Krankengeld gewährt. Gerechnet wird mit 30 Tagen pro Monat.

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Beispielrechnung Krankengeld

Hierzu präsentiert die Webseite krankenkassen.net der Franke-Media-Gruppe folgenden Fall:

Ein Arbeitnehmer, 48 Jahre alt, gesetzlich versichert, zahlt einen Zusatzbeitrag von 1,1 Prozent, wird in der Steuerklasse 1 veranlagt und lebt in den alten Bundesländern. Er verdient 2.700 Euro brutto im Monat, netto bleiben ihm 1.727 Euro.

Variante 1 Krankengeld: 2.700 Euro / 30 Tage = 90,00 Euro pro Tag 70 Prozent von 90,00 Euro = 63,00 Euro pro Tag

Variante 2 Krankengeld 1.727 Euro / 30 Tage = 57,57 Euro pro Tag 90 Prozent von 57,57 Euro = 51,81 Euro pro Tag

Der kranke Arbeitnehmer erhält also ein Krankengeld von 51,81 Euro pro Tag (1.554,30 Euro im Monat). Von diesem Betrag werden Sozialversicherungsbeiträge (ohne Krankenversicherungsbeitrag) abgezogen. Das Krankengeld (minus Sozialabgaben) beträgt daher 1.363,51 Euro

Beispielsrechnung Erwerbsminderungsrente

Angenommen der jetzt 48-jährige Arbeitnehmer hätte mit 17 eine Lehre begonnen und war danach ununterbrochen beschäftigt, dann hätte er bei 100 Prozent Invalidität Anspruch auf 916 Euro Erwerbsminderungsrente. Bei einem Invaliditätsgrad von 50 Prozent würde nur die Hälfte bezahlt.

So sichern Sie sich optimal ab

Es gilt also für jeden Erwerbstätigen, die Arbeitskraft abzusichern. Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist daher ein Muss.

Wer etwa aus gesundheitlichen Gründen keinen Vertrag mehr abschließen kann, sollte sich über andere Möglichkeiten informieren.

Zudem empfohlen Verbraucherschützer jedem, der eine Berufsunfähigkeitsversicherung hat, auch den Abschluss einer Rechtsschutzversicherung, die Privatrecht inkludiert. Denn sollen Versicherer zahlen, kommt es relativ häufig zum Prozess. Und bei einem Streitwert von beispielsweise 15.000 Euro liegt das Prozesskostenrisiko über zwei Instanzen bei mehr als 10.000 Euro.

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