Wissen > > Von Bierwanderungen und risikoreichen Raucherpausen: Die Grenzen der Unfallversicherung
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Die finanziellen Folgen von Arbeitsunfällen sind in der Regel durch die gesetzliche Unfallversicherung abgedeckt. Doch viele strittige Situationen werden schlussendlich erst vor Gericht geklärt. Die kuriosesten Klagen im Überblick.

Die gesetzliche Unfallversicherung wurde 1884 in Deutschland eingeführt und schützt seitdem vor den finanziellen Folgen von Unfällen, die sich während der Arbeit, in der Schule oder auf dem Weg dorthin und zurück ereignen – zumindest in den meisten Fällen.

Doch auch wenn die Versicherer für den Großteil der Vorfälle leisten, müssen sich Jahr für Jahr Richter mit zahlreichen kuriosen “Unfällen” auseinandersetzen, bei denen sich Versicherung und Kläger uneins sind.

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Raucherpause auf eigene Gefahr

Wer sich auf dem Rückweg von der Raucherpause zum Arbeitsplatz verletzt, erleidet keinen Arbeitsunfall und steht damit nicht unter dem Schutz der Unfallversicherung – das zeigt ein Urteil des Sozialgerichtes Berlin.

Die Klägerin, eine 46-Jährige Pflegehelferin, brach sich, als sie von einer Raucherpause zurückkehrte, den Arm. In der Eingangshalle des Seniorenheimes stieß sie versehentlich mit dem Hausmeister zusammen. Diesem fiel dadurch ein Eimer Wasser herunter, die Frau rutschte aus und zog sich dadurch den Bruch zu. Da sich der Vorfall am Arbeitsplatz und zudem auf einem Weg, den sie mehrmals täglich auch aus beruflichen Gründen nutzte, ereignet hatte, war die Klägerin davon überzeugt, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelt.

Das Gericht widersprach dieser Einschätzung: Der Weg von und zur Raucherpause stehe in keinem Zusammenhang mit der unfallversicherungsrechtlich geschützten beruflichen Tätigkeit und sei somit als private Angelegenheit zu werten.

Schlägerei mit Türsteher ist kein Arbeitsunfall

Im März 2017 entschied das Landessozialgericht Baden-Württemberg, dass das Schädel-Hirn-Trauma, das ein Mann durch eine Auseinandersetzung mit einem Türsteher auf Ibiza erlitten hatte, nicht als Arbeitsunfall im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung zu werten sei.

Der Kläger gab an, nach Ibiza gereist zu sein, um dort als “Generalbevollmächtigter im Außendienst” für das Unternehmen seines Vaters Photovoltaik-Anlagen zu vertreiben. Spätabends, nachdem er den Tag mit Verkaufsgesprächen verbracht habe, sei er vor einem Club mit einem Türsteher aneinandergeraten.

Das dadurch erlittene Schädel-Hirn-Trauma wollte er bei der Berufsgenossenschaft als Arbeitsunfall geltend machen. Die Begründung: Der Vorfall habe sich auf dem versicherten Heimweg zu seiner Unterkunft ereignet.

Da der Kläger laut Zeugenaussagen bei der Auseinandersetzung zum einen stark alkoholisiert war und er zum anderen nicht nachweisen konnte, dass die Auseinandersetzung mit dem Türsteher des Clubs in irgendeinem Zusammenhang mit einer betrieblichen Tätigkeit stand, wies das Gericht die Klage ab.

Katerbiss beim Tierarzt

Wer dem Tierarzt bei der Behandlung des eigenen Haustieres helfend zur Hand geht und sich dabei eine Verletzung zuzieht, der sollte nicht darauf hoffen, dass die gesetzliche Unfallversicherung seine Behandlungskosten übernimmt.

Die Ausgangssituation: Ein an einer Lungenentzündung erkrankter Kater sollte vom Tierarzt eine Spritze verabreicht bekommen. Die Besitzerin des Tieres fixierte den Kater dafür am Kopf. Daraufhin sprang der Vierbeiner panikartig hoch und biss der Frau in die linke Hand – und das so heftig, dass sie an der Hand operiert und eine Woche lang stationär behandelt werden musste.

Das Hanseatische Sozialgericht, das den Fall behandelte, lehnte die Klage der Betroffenen ab und begründete die Entscheidung damit, dass sie bei der Behandlung des Katers ausschließlich aus privater Motivation geholfen habe. Damit sei “keine einer Arbeit gleichzusetzende Hilfstätigkeit” gegeben.

Bierwanderung zählt nicht als Betriebssport

Bei einem Sturz auf einer sogenannten “Bierwanderung” verletzte sich die Lohnbuchhalterin einer Anwaltskanzlei am Arm. Dieser Vorfall stelle keinen Arbeitsunfall dar, urteilte das Hessische Landessozialgericht.

Die Betroffene nahm zusammen mit zwei weiteren Arbeitskolleginnen an einer von einem Sportverein ausgerichteten Bierwanderung teil. Sie liefen dabei einen sieben Kilometer langen Parcours mit mehreren “Bierstationen” ab. Beim Ausklang der Wanderung nach 22 Uhr stürzte die 58-Jährige und verletzte sich am linken Unterarm.

Sie sah darin einen Betriebssportunfall und verlangte von der Berufsgenossenschaft Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung. Diese verweigerte jedoch die Zahlung mit der Begründung, es handele sich um eine privat organisierte Freizeitaktivität. Dieser Einschätzung stimmte das Gericht zu: Die Teilnahme an der Bierwanderung sei jedermann – und nicht nur den Angestellten der Kanzlei – möglich gewesen. Daher könne es sich nicht um einen Betriebssportunfall handeln.

Hilft eine private Unfallversicherung?

Wenn es darum geht, den lückenhaften Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung auszuweiten, kann eine private Unfallversicherung durchaus sinnvoll sein.

Gerade für sportlich aktive Zeitgenossen, Kinder und Senioren empfehlen Verbraucherschützer den Abschluss einer entsprechenden Police. Der Grund: Das Unfallrisiko dieser Personengruppen liegt statistisch gesehen deutlich über dem Durchschnitt.

Allgemein ist es jedoch wahrscheinlicher, durch eine Krankheit langfristig gesundheitlich beeinträchtigt zu bleiben als durch einen Unfall. Daher sollten alle Personen, die nicht zu einer der o.g. Risikogruppen zählen, vorrangig über den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung nachdenken.

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